Märkte

Warum "sichere" Sektoren nur vermeintlich sicher sind

Viele Anleger fühlen sich von der scheinbaren Stabilität einiger Sektoren angezogen. Doch Sicherheit ergibt sich aus dem Preis, der für Aktien gezahlt wird, nicht aus der zugrunde liegenden Dynamik der Unternehmen.

05.07.2018

Emma Stevenson

Investment-Redakteurin

Defensive und zyklische Werte

Aktienanleger untergliedern Unternehmen in Sektoren, um ihre wahrscheinliche Performance zu verschiedenen Zeiten im Konjunkturzyklus abzuschätzen. Hersteller von Nahrungsmitteln und Getränken sowie Tabakwaren beispielsweise fallen in den Basiskonsumgütersektor, der häufig als defensiv bezeichnet wird. Dies liegt daran, dass die Nachfrage nach Lebensmitteln, Zigaretten usw. in der Regel stabil ist, unabhängig von der Entwicklung der Gesamtwirtschaft. Umsatz und Gewinn dieser Unternehmen entwickeln sich daher auch in einem konjunkturellen Abschwung recht gut.

Folglich werden diese defensiven Unternehmen oft als sichere und zuverlässige Anlagen wahrgenommen. Aufgrund ihrer generell stabilen Gewinne können diese Unternehmen in vielen Fällen regelmäßig Dividenden zahlen und besonders für ertragsorientierte Anleger interessant sein.

Zyklische Sektoren dagegen schneiden in wirtschaftlich guten Zeiten am besten ab. Bei nachlassender Konjunktur flacht die Nachfrage aber meist ab. Automobile und Einzelhandel sind typische zyklische Sektoren, denn Menschen geben mehr aus, wenn sie hinsichtlich der wirtschaftlichen Aussichten zuversichtlich sind. Grundstoff- und Industriewerte fallen ebenfalls in diese Kategorie, da Unternehmen mehr investieren, wenn sie eine steigende Nachfrage erwarten.

Die Erträge und Gewinne und damit auch die Aktienkurse dieser zyklischen Unternehmen können jedoch volatil sein, zumal die Nachfrage mit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung steigt und fällt.

Was bedeutet Risiko wirklich?

Der Fehler vieler Anleger besteht darin, die täglichen Kursbewegungen mit dem Risiko gleichzusetzen. Die eigentliche Gefahr liegt aber darin, dauerhaft Kapital zu verlieren. Umfangreiche Untersuchungen weisen darauf hin, dass der bezahlte Preis der entscheidende Faktor für die Rendite ist. Das größte Risiko besteht also darin, für eine Anlage von vornherein zu viel zu bezahlen.

Die Abbildung unten veranschaulicht die Renditen in der Vergangenheit auf der Grundlage der Einstiegskurse. Sehr günstig bewertete Aktien mit einem konjunkturbereinigten Kurs-Gewinn-Verhältnis von bis zu 7x1 (in der Abbildung links) haben in den folgenden zehn Jahren die höchsten Renditen eingebracht. Aktien aus der teuersten Kategorie (in der Abbildung rechts) indes führten in der Regel zu einem Verlust.

Die Abbildung zeigt auch, in welche Kurs-Gewinn-Kategorie die einzelnen Marktsektoren derzeit fallen. Nach der weltweiten Rallye an den Aktienmärkten in den vergangenen Jahren liegt kein Sektor im äußerst günstigen Bereich von 0–7x. In den zwei nächstgünstigeren Kategorien befinden sich jedoch mehrere Sektoren. Bemerkenswert ist, dass darunter viele den „riskanten“ zyklischen Sektoren angehören, wie Banken, Grundstoffe und Automobile.

Abbildung 1: Anlagechancen identifizieren

Quelle: Schroders, Thomson Reuters Datastream; Stand: 31. Dezember 2017. Der Wert der Anlagen und der damit erzielten Erträge kann sowohl steigen als auch fallen. Zudem erhalten die Anleger den ursprünglich investierten Betrag möglicherweise nicht in vollem Umfang zurück. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Maßstab für zukünftige Ergebnisse und lässt sich möglicherweise nicht wiederholen. Bezugnahmen auf Sektoren dienen nur zur Veranschaulichung und sind nicht als Kauf- und/oder Verkaufsempfehlung zu verstehen.

Auf der rechten Seite fällt Technologie in die teuerste Kategorie – welche in der Regel auf zehn Jahre gesehen Verluste bringt. In der zweitteuersten Kategorie liegen mehrere Sektoren. Zwei davon – Getränke und Gesundheit – werden typischerweise als defensiv wahrgenommen. Defensiv sind allerdings ihre Geschäftsmodelle, nicht ihre Aktienkurse. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass diese Sektoren Gefahr laufen, sich angesichts der aktuell hohen Kurse gegenüber anderen Sektoren unterdurchschnittlich zu entwickeln.

Sicherlich sind einige Aktien aus gutem Grund preisgünstig, und es ist eine schwierige Aufgabe, sie von denen zu unterscheiden, die derzeit günstig sind, aber sich erholen könnten. Hier kommen die Vorteile der aktiven Titelauswahl zum Tragen. Aktive Anleger, die Research betreiben, können in jenen ungeliebten Sektoren Unternehmen ausfindig machen, die zu attraktiven Kursen gehandelt werden und über ausreichend solide Bilanzen verfügen, um schwierige Zeiten zu überstehen.

Das soll nicht heißen, dass bei Anlagen in günstigeren Unternehmen höhere Renditen garantiert sind – bei Aktien gibt es keine Garantie. Ihre Kurse können schwanken und Anleger erhalten die ursprünglich investierten Beträge möglicherweise nicht zurück. Es kann einige Zeit und viel Geduld erfordern, bis der Markt den wahren Wert einer Aktie erkennt. Anlagen am Aktienmarkt eignen sich deshalb am besten für diejenigen, die eine langfristige Perspektive haben.

Andrew Evans, Fondsmanager im Team für werthaltige Aktien, meint hierzu:

„Es gibt keine Aktien, die immer sicher oder immer riskant sind. Es gibt nur Aktien, die zu billig oder zu teuer sind. Ein Unternehmen kann die volatilsten Erträge der Welt haben, aber bei einem Abschlag gegenüber dem fairen Wert von 90 % stehen die Chancen sehr gut, mit der Anlage Geld zu verdienen.

Ebenso kann das Unternehmen mit den stabilsten Erträgen der Geschichte identifiziert werden. Aber wenn es das Zehnfache seines fairen Wertes kostet, ist es äußerst unwahrscheinlich, einen Gewinn zu erzielen. Wahrscheinlicher ist, dass am Ende ein Verlust steht. Auf diese Weise definieren wir Risiko. Die vermeintliche Vorhersagbarkeit und Stabilität eines Vermögenswerts spielen dabei keine Rolle – lediglich der bezahlte Preis.“

Einen Total-Income-Ansatz verfolgen

Für ertragsorientierte Anleger sind dies wichtige Überlegungen, die es zu berücksichtigen gilt. Die regelmäßigen Dividenden von Unternehmen aus den Bereichen Gesundheit, Lebensmittel und Getränke sind verlockend. Wenn jedoch ein zu hoher Preis für solche Dividendenwerte bezahlt wird, kann das Kapitalwachstum zu kurz kommen oder sogar ein Verlust erlitten werden.

Zur möglichen Minderung dieses Risikos für das Kapital kann etwa ein „Total-Income“-Ansatz verfolgt werden. Dabei wird der für eine Aktie gezahlte Preis sowie die Dividende berücksichtigt. Anleger, die einer solchen Strategie folgen, achten nicht nur auf die aktuelle Dividende, sondern auch auf ihre potenzielle Steigerung. Mitunter halten sie sogar Aktien von Unternehmen, die zwar nicht gegenwärtig aber voraussichtlich in Zukunft Dividenden ausschütten.

Mit diesem Ansatz werden vielleicht nicht die höchsten Dividenden eingefahren, aber er ermöglicht ein potenzielles Kapitalwachstum sowie Erträge aus Dividenden.

Der Wert der Anlagen und der damit erzielten Erträge kann sowohl steigen als auch fallen. Zudem erhalten die Anleger den ursprünglich investierten Betrag möglicherweise nicht in vollem Umfang zurück. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Maßstab für zukünftige Ergebnisse und lässt sich möglicherweise nicht wiederholen.


1 Das konjunkturbereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis (CAPE) vergleicht den Preis einer Aktie mit den durchschnittlichen inflationsbereinigten Gewinnen der vergangenen zehn Jahre.

Schroders hat in diesem Dokument eigene Ansichten und Meinungen zum Ausdruck gebracht. Diese können sich ändern.