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Huw van Stenis: Fünf Dinge, die ich in Davos gelernt habe

Populismus, Automatisierung und langfristiges Investieren – Huw van Steenis berichtet von seinen wichtigsten Eindrücken vom Weltwirtschaftsforum 2017.

09.02.2017

Huw van Steenis

Huw van Steenis

Global Head of Strategy

Die Stimmung in Davos war die uneinheitlichste seit Jahren. Einige amerikanische Firmenbosse zeigten sich demonstrativ optimistisch in der Frage, das Wirtschaftswachstum zu beschleunigen und einen Regimewandel in der Steuer-, Regulierungs- und Handelspolitik herbeizuführen. Andere hingegen, vor allem europäische Politiker, äußerten sich deutlich pessimistischer. Doch mit wem man auch sprach, die vorherrschenden Themen waren die enormen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, die durch Populismus, Globalisierung, umwälzende Technologien, Migrationskrise und Ungleichheit entstehen. Man war sich uneins, wie sich die Risiken am besten beherrschen ließen. Hingegen wurde allseits vermutet, dass diese als Impuls des Wandels fungieren. Die Diskussionen wurden nicht nur von denen beeinflusst, die anwesend waren, sondern auch von denen, die fehlten. Präsident Trump war die dunkle Materie des Weltwirtschaftsforums von Davos. Man weiß nicht viel über dunkle Materie, aber es ist bekannt, dass sie 95 % des Universums ausmacht und eine enorme Gravitationskraft besitzt. Die noch unbekannten Auswirkungen der Präsidentschaft Trumps standen wie große dunkle Fragezeichen über Davos.

1. Automatisierung und Arbeitsplätze

Ich registriere eine drastische Veränderung in der wahrgenommenen Bedrohung von Arbeitsplätzen durch Automatisierung und die vierte industrielle Revolution. Das Beratungsunternehmen McKinsey veröffentlichte neue Studien, denen zufolge in den USA zwischen 1997 und 2007 86 % der Arbeitsplatzverluste in der Produktion auf die steigende Produktivität und 14 % auf den Handel zurückzuführen waren. Aber damit nicht genug – 1,1 Mrd. Arbeitskräfte und 15,8 Bio. USD an Löhnen und Gehältern sind Aktivitäten zuzuordnen, die heute aus technischer Sicht automatisierbar sind.

Nehmen wir nur die Finanzwirtschaft: Hier beginnen Banker und Versicherungschefs, mit denen ich sprach, nun ernsthaft auf das niedrige Wachstum und die niedrigen Renditen zu reagieren. So entwerfen sie konkrete Pläne zur Effizienzsteigerung. Der diesjährige Bericht „Disruptive Innovation in Financial Services“ war aufschlussreich: In früheren Jahren hatten die Roundtable-Teilnehmer die Dimension der Phänomene Blockchain und digitale Identität ausgelotet. Dieses Jahr beschränkten sie sich darauf, Notizen darüber auszutauschen, wie sich Partnerschaften mit Technologieunternehmen am besten automatisieren und managen lassen. Eine Prognose des Berichts war vielsagend: Regulatorische Technologie oder „Regtech“ könnte im Compliance-Bereich 50.000 Jobs auslöschen. In Davos führte ich unter Führungskräften von Finanzinstituten und Vertretern verschiedener anderer Beratungsunternehmen, die ich dort traf, eine informelle Befragung durch. Sie ergab, dass in den kommenden drei bis fünf Jahren die Automatisierung von 10–30 % der Aktivitäten der jeweiligen Organisationen zu erwarten ist. Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf Angestellte und das lebenslange Lernen sind enorm. Führende Technologieunternehmen wie Google oder Facebook zeigten sich hingegen weitaus optimistischer, vollkommen neuartige Jobs schaffen zu können.

2. Populismus

Die Auswirkungen des Populismus waren die größte Sorge der Anwesenden. Seine Manifestationen werden in den kommenden Jahren wohl zu den wichtigsten Markttreibern zählen. Überraschend für mich war jedoch der fehlende Konsens über die Ursachen des Populismuses und der Protestpolitik, geschweige denn deren Konsequenzen. Die Stagnation der Realeinkommen und die vielfältigen Herausforderungen für die wirtschaftliche und nationale Identität sind komplexe Probleme, die schwer zu lösen sind. Auffallend war, dass der chinesische Präsident Xi die Globalisierung am vehementesten verteidigte. Er argumentierte, dass sie Millionen Menschen von Armut befreit. Was bedeutet das für Anleger?

Ich vermute, dass Anlagen in westlichen Ländern zunehmend eine immer größere Ähnlichkeit zu Anlagen in Schwellenländern entwickeln werden. Dort ist ein genaues Verständnis des betreffenden Landesrisiko und der politischen Ökonomie unabdingbar. Schwellenländer lehren uns auch, dass Populismus oft inflationär ist.

Zweitens müssen wir unsere Investitionen in Zeiten erhöhter Unsicherheit tätigen. Die Gefahr von „Wie-du-mir-so-ich-dir“-Streitigkeiten beschäftigte viele Politiker und Führungskräfte. Was die Fähigkeit der Briten anbelangt, stärkere Handelsbeziehungen als die bisherigen zu schmieden, waren sich die Teilnehmer verständlicherweise uneinig. Aber es ging nicht nur um Handelspolitik, sondern auch darum, die Vorteile der Globalisierung der Finanzmärkte weiterhin kritisch unter die Lupe zu nehmen. Nach dem Treffen hatte ich den Eindruck, dass die Aufsplitterung der Märkte für Finanzdienstleistungen mit der Errichtung finanzieller Mauern durch verschiedene Länder zunehmen wird. Einerseits kann eine stärkere Abschottung im Bankensystem dazu beitragen, Schocks abzufedern. Andererseits hat sie vermutlich negative Auswirkungen auf das Wachstum, sofern die Märkte die Lücke nicht schließen können. Die Bankenkrise hat uns gelehrt, dass Europa vielfältigere Möglichkeiten zur Refinanzierung von Unternehmen und des Infrastruktursektors bitter nötig hat. Doch die von mir geführten Gespräche machten mir deutlich, dass die von der Europäischen Kommission geplante Kapitalmarktunion zur Mobilisierung und Kanalisierung von Kapital kein Thema ist, bis die Brexit-Frage gelöst ist.

3. Regimewandel

Was bedeutet ein politischer Regimewandel für Zentralbanken und die Preise von Finanzanlagen? Das Thema wurde heftig debattiert. Während sich die meisten darüber einig waren, dass der Reflationshandel insbesondere in den USA der wichtigste Wendepunkt für Vermögenspreise sein wird – und vermutlich das Ende des 30-jährigen Bullenmarktes für Anleihen – gab es kaum Konsens darüber, wie reibungslos der Übergang verlaufen wird. Angesichts dessen, dass wir 2016 an die praktischen Grenzen der Geldpolitik gestoßen sind – man denke nur an die gefährlichen Experimente mit Negativzinsen – verwundert es kaum, dass die Anleger einen Wandel in der Steuer-, Regulierungs- und Handelspolitik herbeisehnen. Die Auswirkungen auf Vermögenspreise, Marktliquidität, Volkswirtschaften von Schwellenländern und Kapitalflüsse in Schwellenländer zählten zu den wichtigsten Themen von Zentralbankern, Bankern und Anlegern. Während hinsichtlich des Umfangs des Regimewandels verschiedenste Schlussfolgerungen gezogen wurden, kristallisierten sich doch einige Themen heraus.

Meine Ansicht, dass die Korrelationen zwischen Anlageklassen infolge der Einschränkung der quantitativen Lockerungspolitik durch die Zentralbanken dramatisch fallen sollten, stieß auf Zustimmung. Eine breitere Verteilung der Ergebnisse und eine größere Divergenz von Vermögenswerten, Sektoren und Wertpapier-Performance könnte sich für scharfsinnige Anleger ebenfalls als positiv erweisen.

Als nächstes sollten wir über Vermögenswerte nachdenken, deren Kurse von der quantitativen Lockerungspolitik nach oben getragen wurden. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Zinsen in den USA schneller steigen, sollten die Anreize eine höhere Inflation zur Folge haben. Während sich die Märkte an moderat handelnde Zentralbanken und „länger niedrigere Zinsen“ gewöhnt haben, ist der Ausstieg aus dem außergewöhnlichen Finanzexperiment alles andere als klar. Er wird voraussichtlich viel stärkere Neubewertungen und Rotationen nach sich ziehen als bisher. In den Korridoren von Davos war die Diskussion über Staatsanleihen der europäischen Peripherie allgegenwärtig. Die Fiskalpolitik in der Eurozone befindet sich weitgehend im Tiefschlaf und sie reicht trotz verringerter Belastung durch die Geldpolitik nicht aus, um Strukturprobleme zu lösen. Kapitalgeber vermuten daher, dass die Europäische Zentralbank weiterhin eine moderate Politik betreiben und ihre quantitative Lockerungspolitik schrittweise zurückfahren wird. Demzufolge könnten uns die Negativzinsen bis 2019 erhalten bleiben. Die Neubewertung zehnjähriger US-Staatsanleihen könnte ihnen aber einen Strich durch diese Rechnung machen. Auf der positiven Seite ist anzumerken, dass der jüngste Inflationsanstieg in Deutschland und das zunehmende globale Wachstum viel schneller zu einer Anpassung der europäischen Zinssätze führen könnten.

Meine Treffen mit Politikern und Bankern zeigten auch eine Änderung des Ansatzes zur Bankenregulierung. Vor allem da europäischen Politikern zunehmend bewusst wird, wie sehr die Bankenregulierung nach Basel IV das europäische Wachstum hemmen könnte. Der Höhepunkt der regulatorischen Unsicherheit liegt jedoch vermutlich hinter uns.

4. Langzeitanlagen

Die Notwendigkeit, Langzeitanlagen durch den Nebel der erhöhten Unsicherheit hindurch abzusichern, ist zu einem wichtigen Thema geworden. Eine der interessantesten Roundtable-Diskussionen in Davos, an denen ich teilnahm, war die zum Thema „Focusing Capital on the Long Term“ (Langfristig orientiertes Anlegen). Hier kamen Eigentümerseite, Anleger und CEOs zusammen, um über die Förderung von Langzeitinvestitionen zu sprechen. Neuen Studien zufolge hätten Langzeitanlagen in den USA fünf Millionen Jobs und 1 Bio. US-Dollar Mehrwert schaffen können. Doch die Unsicherheit bewirkt, dass geschäftliche Entscheidungen kurzfristiger ausgerichtet werden. Sir Martin Sorrell, Vorsitzender von WPP, und Kevin Ellis, Vorsitzender von PwC UK, diskutierten am Tag danach bei BBC eingehender über dieses Thema. So schütteten S&P-500-Unternehmen in fünf der sechs letzten Quartale Dividenden aus und führten Aktienrückkäufe durch, anstatt die Investitionen signifikant zu erhöhen.

Zur Bekämpfung kurzer Anlagehorizonte können praktische und politische Schritte ergriffen werden, doch im Lauf der Woche kristallisierten sich zwei breitere Spannungsfelder für Langzeitinvestitionen heraus. Die pessimistischeren Institutionen verspürten in Anbetracht der erhöhten politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten eine zugrunde liegende Nervosität in der Frage des richtigen Risikoaufschlages für ein Projekt im Umfang von zehn bis dreißig Jahren. Diese Nervosität war unter europäischen Unternehmen am stärksten zu spüren. Auch hatte ich Gelegenheit, mit dem britischen Finanzminister darüber zu sprechen, wie Unternehmen und Anlegern am besten geholfen werden kann, den von ihm so genannten „Brexit-Nebel“ zu durchblicken. Optimistischere Anleger äußerten sich eher besorgt darüber, dass die Zinsen infolge der sich erholenden Weltwirtschaft und einer steigenden Inflation viel stärker angepasst werden könnten als erwartet. Aus diesem Grund wollten sie in der Hoffnung auf höhere Renditen noch warten. Hoffen lässt hingegen der enorme Fokus auf Unternehmen, die sich auf längerfristige Themen – insbesondere Technologie und Gesundheit – konzentrieren, sowie ein weit stärkerer Fokus auf die sozialen Auswirkungen von Investitionen.

5. Prognosen

Die Verbesserung von Prognosen war ein Thema, das von Davos 17 in einer Reihe von Workshops überraschend erfolgreich bearbeitet wurde. In einer Zeit, in der der Wert von Prognosen und Meinungsumfragen stark angezweifelt wird, war eine so aufschlussreiche Workshopreihe ein Lichtblick. Es ging darum, Vorurteile zu erkennen und Anpassungen vorzunehmen, Gruppendenken und Echokammer-Effekte abzubauen. Auch wurde dazu aufgerufen eine breite Palette an neuen Datenerkenntnissen zu integrieren und aus Fehlern schlicht zu lernen. Es wurde betont, dass die Zentralbanken Fehler begingen, indem sie zum Beispiel von einer friktionsfreien Wirtschaft ohne nach beiden Seiten ausschlagenden Kreditexzessen ausgingen und Banken und finanzielle Multiplikatoren ignorierten. Ihre Modelle waren ihrer Konstruktion nach Schönwettermodelle. Als die Krise begann, boten sie keinen nützlichen Rahmen, auf den man sich hätte stützen können, sodass auf die Finanzgeschichte zurückgegriffen werden musste. Obwohl einige Fortschritte erzielt wurden, gelangte ich zu der Erkenntnis, dass einer der größten politischen Fehler des Jahres 2016 die Negativzinsen waren – ein Signal, dass noch viel zu tun ist. Einer der Vortragenden meinte, dass die Probleme in den Sozialwissenschaften auf eine Überbewertung komplexer Theorien zurückzuführen sind und dass es besser gewesen wäre, sich auf die Lösung praktischer Probleme zu konzentrieren. Als Anleger kann ich dem beipflichten. Aus Daten gewonnene Erkenntnisse zur Lösung von Anlageproblemen zu verwenden, ist entscheidend für die Erhaltung eines Anlagevorsprungs. Wir waren uns einig in folgender Erkenntnis: „Kein Mensch kann eine Maschine schlagen, aber keine Maschine kann einen Menschen mit einer Maschine schlagen.“

Und letztendlich …

​Niemand kann der Reichhaltigkeit und Breite der außergewöhnlichen Diskussionen und Gespräche in einer Zusammenfassung im vollen Umfang gerecht werden. Das jährliche Weltwirtschaftsforum in Davos bietet meiner Meinung nach eine exzellente Möglichkeit, um Meinungen über Probleme auf Makro- wie auf Mikroebene auszutauschen. Es vertieft mein Verständnis der in den Anlagemärkten vertretenen Meinungen und des Denkens von Politikern, Anlegern, Technologieunternehmern, Kapitalgebern und Industriellen.

Huv van Steenis ist Mitglied der Gruppe „Disruptive Innovation in Financial Services“ des Weltwirtschaftsforums. Bis vor kurzem war er Mitglied des „Agenda Council on Banking“ des Weltwirtschaftsforums.


Die hierin geäußerten Ansichten und Meinungen stammen von Huw van Steenis, Global Head of Strategy, und stellen nicht notwendigerweise die in anderen Mitteilungen, Strategien oder Fonds von Schroders oder anderen Marktteilnehmern ausgedrückten oder aufgeführten Ansichten dar.